Kleine Bürger übernehmen große Aufgaben in der Kinderstadt Goldscheuer

Sie haben Betriebe gegründet, eine Bürgermeisterin gewählt und eigene gesellschaftliche Regeln aufgestellt: Im Badhiesel in Goldscheuer hatten in der zweiten Sommerferienwoche die Kinder das Sagen. Vier Tage lang verwandelten sie den beliebten Jugendtreff in die Kinderstadt „Hogwarts“, schlüpften in die Rollen von Handwerkern, Köchen, Verkäufern oder Postboten und lernten, was es heißt, ihr eigenes Leben als Bürger oder Bürgerin der Badhiesel-Kinderstadt zu gestalten.

Diensteifrige Polizisten sorgen für Recht und Ordnung, auf dem Rathaus lenken die Verwaltungsmitarbeiter emsig die Geschicke der Stadt und im Gesundheitszentrum bekommt jeder Besucher eine Massage. In „Hogwarts“ ist einiges los, die kleinen Bürgerinnen und Bürger wuseln über das Gelände des Jugendtreffs und kommen eifrig ihren verschiedenen Berufen nach.

In der Kinderstadt "Hogwarts" hatten die Kinder Gelegenheit, vier Tage lang ihr Leben selbst zu gestalten.zoom

„Hier müssen sich die Erwachsenen dem Willen der kleinen Stadtbewohner beugen“, erklärt Melanie Krauß, Sozialpädagogin und gleichzeitig Initiatorin des Großspielprojekts. Bereits zum zweiten Mal hat die Leiterin des Jugendtreffs in Goldscheuer während des Sommerferienprogramms das Heft aus der Hand gegeben und lässt die sieben- bis elfjährigen Stadtbewohner nun selbst alles entscheiden, was das Leben und Arbeiten in der Stadt betrifft. „Es ist erstaunlich, was Kinder auf die Beine stellen können und wie kreativ sie sind, wenn man sie nur machen lässt“, sagt Melanie Krauß beeindruckt. Und tatsächlich bekommen die Kinder in den vier Tagen Gelegenheit, über sich hinauszuwachsen. Noch bevor es in der Kinderstadt richtig losgehen konnte, hatten die Kleinen beispielsweise schon viele wichtige Entscheidungen zu treffen: Bei einer großen Bürgerversammlung musste zunächst der Name der Stadt gefunden, eine gemeinsame Währung – die sogenannten „Potters“ – bestimmt und eine Bürgermeisterin sowie ihre Stellvertreterin gewählt werden.

Die Kinder konnten die Regeln und Gesetze der Stadt selbst bestimmen - inklusive der Strafen.zoom

Das Rennen um das Amt des Stadtoberhauptes hat die zehnjährige Emilia Boh gemacht. Sie ist im vergangenen Jahr bereits als Stadtrat tätig gewesen und konnte ihre jungen Wähler mit der Idee überzeugen, als Bürgermeisterin in Hogwarts ein Dosentelefon zu installieren. „Ich muss schauen, ob es den Einwohnern gut geht und denen helfen, die Hilfe brauchen“, erklärt Emilia Boh und kritzelt eifrig Notizen auf ihr Klemmbrett. Als Bürgermeisterin hat sie viel zu tun, schließlich muss noch das große Stadtfest vorbereitet werden. „Den Freizeitpark habe ich mit der Deko beauftragt und der Bauhof soll ein großes Willkommensschild basteln“, berichtet Emilia Boh. Als Bürgermeisterin ist sie allerdings nicht nur für die Organisation des Festes zuständig, sondern zeigt auch erwachsenen Besuchern bei einem Rundgang die verschiedenen Bereiche der Stadt.

Im Rathaus lenkt Bürgermeisterin Emilia Boh (rechts) gemeinsam mit den Verwaltungsmitarbeitern emsig die Geschicke der Stadt.zoom

Weil der Zutritt zu Hogwarts für Erwachsene nur in Begleitung eines Kindes erlaubt ist, müssen diese nämlich draußen im „Elterngarten“ warten, bis sie von Emilia Boh oder ihrer Stellvertreterin Eva Rahäuser abgeholt und durch die Stadt geführt werden. Auf dem Einwohnermeldeamt gibt es anschließend einen Besucherausweis, der von dienstbeflissenen Polizisten auch regelmäßig kontrolliert wird.
Welche zentralen Einrichtungen es in der Stadt geben soll, das haben die Kinder im Vorfeld ebenfalls selbst bestimmt. Neben dem Rathaus und der Polizeidienststelle wurden nach dem Willen der Stadtbewohner ein Arbeitsamt, eine Post, eine Bank, ein Gesundheitszentrum, ein Bauhof, ein Supermarkt, ein Restaurant, eine Pressestelle und ein Freizeitpark geschaffen. Die verschiedenen Institutionen kennzeichneten die Kinder mit selbstgemalten Schildern, betreut werden die einzelnen Bereiche jeweils von einem Bufdi, einem ehrenamtlichen Ferienhelfer oder einem Sozialarbeiter.

In der Pressestelle haben die Mitarbeiter jeden Tag eine Zeitung erstellt.zoom

Jeden Tag gehen die Stadtbewohner zunächst zum „Abaitsamt“, wo jedes Kind morgens und mittags einen anderen Beruf zugeteilt bekommt. Mindestens 30 Minuten lang müssen die Kinder dann in ihren Betrieben „arbeiten“, wer keine Lust mehr hat, kann in die Freizeit gehen oder kündigen und dem Arbeitsamt einen erneuten Besuch abstatten. Wer nicht arbeitet, verdient allerdings auch kein Geld und kann keine Briefe verschicken oder sich Geschenke und Süßigkeiten aus dem Supermarkt leisten, das wird den Kindern in den vier Tagen schnell bewusst. 10 Potters erhalten die Kinder pro Stunde Arbeit, zwei Potters werden ihrem Lohn allerdings als Steuern wieder abgezogen und fließen in die Stadtkasse. Ihren Lohn können sie sich auf der Bank abholen, wo jeder Bürger ein eigenes Konto eröffnet hat. „Die Kinder müssen sich in der Stadt auch mit Abstimmungen, politischem Handeln und demokratischen Strukturen auseinandersetzen“, erklärt Melanie Krauß. So habe Bürgermeisterin Emilia Boh zunächst die Steuern gesenkt, als die Stadtkasse daraufhin allerdings sehr schnell pleite gewesen sei, habe sie die Steuern wieder erhöhen müssen. „Die Kinder haben relativ schnell die Konsequenzen ihres Handelns gespürt und mussten flexibel reagieren“ führt Melanie Krauß weiter aus. Dadurch lernten sie, was es bedeutet, selbst gestalten, mitreden und bestimmen zu dürfen.

Die Polizei sorgt in der Kinderstadt für Recht und Ordnung - wer seinen Ausweis nicht dabei hat, muss Strafe zahlen.zoom

Seit diesem Vorfall hat Stadträtin Eva Rahäuser die Finanzen der Stadt im Griff. Für das Benutzen des Dosentelefons werden nun pro Anruf zwei Potters erhoben, Fundsachen, die länger als drei Tage auf dem Rathaus liegen, ohne abgeholt zu werden, müssen ebenfalls bezahlt werden. „Da kann man schon Geld für verlangen und dann verdienen wir auch was“, argumentiert Eva Rahäuser.
„Arzt und Polizist macht am meisten Spaß“, versichert Jonathan Arnold. Er hat während seines dreistündigen Nachmittagsdienstes schon Großes geleistet und Badhiesel-Mitarbeiter Alex Olenberg beim Süßigkeitenklauen erwischt. Ansonsten ist er dafür zuständig, Regelverstöße zu ahnden – für Beleidigungen, Diebstahl, oder dem Delikt „Essen von Süßigkeiten vor dem Mittagessen“ müssen die Besucher und Bewohner der Stadt Strafe zahlen – bis zu 40 Potters können hier gefordert werden; wer es ganz wild treibt, muss sogar für fünf Minuten ins Gefängnis.

Im Supermarkt gab es allerlei leckere Dinge zu kaufen.zoom

Fleißig gearbeitet wird aber nicht nur bei der Polizei, sondern auch in den anderen Einrichtungen von Hogwarts: Jeden Tag berichten die Journalisten der Pressestelle in einer eigenen Zeitung über die Vorkommnisse in der Stadt, im Gesundheitszentrum werden Schnittverletzungen und Beulen behandelt sowie – aufgrund fehlender Verletzungen seitens der Bürger – Massagen verteilt. Auch in der Küche wird fleißig geschnippelt und gekocht und das Essen anschließend ins benachbarte Restaurant „die Eule“ geliefert, wo die Stadtbewohner mittags gemütlich speisen. Wer am Nachmittag Lust auf einen kleinen Snack hat, der kauft sich im Supermarkt eine Banane, Gummibärchen oder eine frisch zubereitete Waffel. Ihren verdienten Feierabend verbringen die Kinder im Freizeitpark. Dort gibt es neben einer Kreativecke auch einen Tischkicker, einen Billardtisch, eine Disco und einen Beautysalon, in dem sich vor allem die Hogwartserinnen regelmäßig verschönern lassen. „Die Kinder haben in der Stadt die Möglichkeit, das Erwachsensein kennenzulernen und in verschiedene Berufe hineinzuschnuppern“, erklärt Melanie Krauß. So könnten die Kleinen beispielsweise lernen, dass Polizisten viel draußen unterwegs sind, dass in der Pressestelle Interviews geführt und Artikel geschrieben werden, dass Mitarbeiter der Bank mit Geld und Zahlen zu tun haben oder dass es im Bauhof sehr handwerklich zugeht. Wegen der großen Nachfrage solle das Projekt im kommenden Jahr um einen Tag verlängert werden, so dass die Kinder dann eine ganze Woche lang Zeit haben, ihre eigene kleine Stadt zu kreieren.

11.08.2017

 

Flüchtlingshilfe Kehl

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