Keine Staus und eine schnellere Verbindung: Buspassagiere freuen sich auf die Tram

Gepäck, Gedrängel und Gerüttel: Nachmittags um 14 Uhr ist der grenzüberschreitende Bus der Straßburger Verkehrsbetriebe (CTS) mit der Nummer 21 voll besetzt. Die Passagiere fahren entweder in den Urlaub, zum Einkaufen oder einfach nur zum Bummeln in die Nachbarstadt auf der anderen Seite des Rheins. Durchschnittlich 3500 Fahrgäste pro Tag befördert der Bus 21 nach Angaben der Straßburger Verkehrsbetriebe (CTS) werktags zwischen Straßburg und Kehl, samstags sind es sogar 5000 und mehr. Mit der Eröffnung der Tramlinie D wird die Buslinie 21 am 28. April eingestellt. Die Buspassagiere freuen sich auf die neue, schnelle Straßenbahnverbindung, wie es sich in einer Umfrage zeigt.

Es sind mehrheitlich Franzosen, die nachmittags im Bus der CTS-Linie 21 anzutreffen sind, und die meisten nutzen die Verbindung, um in Kehl einzukaufen. So wie zum Beispiel die 72-jährige Jacqueline Widmann aus Straßburg. Sie fährt nur gelegentlich mit dem Bus nach Kehl, um einen Einkaufsbummel zu machen – üblicherweise nimmt sie dafür lieber die Ortenau-S-Bahn oder den TER in Richtung Offenburg. „Mit der Tram werden sich meine Gewohnheiten aber ganz bestimmt ändern“, ist sie sich sicher.

Alicia Marengiu (links) und Sandrina Salerno fahren einmal die Woche mit dem Bus 21 nach Kehl, um sich mit günstigen Lebensmitteln zu versorgen.zoom

Zum Einkaufen in Kehl nutzen auch Sandrina Salerno (44 Jahre) und Alicia Marengiu (18 Jahre) den grenzüberschreitenden Bus. Einmal pro Woche fahren sie nach Kehl, um sich mit Lebensmitteln zu versorgen; manchmal bringen sie vom Bummel durch die Innenstadt auch Kleidung mit nach Hause.
Zigaretten und Tabak sind neben Lebensmitteln, Drogerieartikeln und Kleidung weitere Produkte, für die viele Franzosen die Grenze überqueren – so wie zum Beispiel die 49-jährige Christelle Champy und der 54-jährige Michel Thalgotte: Die Reinigungskraft und der Koch nehmen regelmäßig den Bus von Straßburg nach Kehl. „Zigaretten und viele Lebensmittel sind in Deutschland billiger als bei uns“, erklären sie.
Deutsches Brot ist einer der Gründe, warum Marie-Antoinette Spiecker regelmäßig mit dem 21er-Bus von Straßburg nach Kehl fährt. „In Straßburg gibt es sehr viele gute Bäckereien, aber das traditionelle deutsche, dunkle Brot bekommt man eben doch nur in Kehl“, sagt die 59-Jährige. Aber nicht nur das Brot verbindet die Schulsozialarbeiterin mit Deutschland, sondern auch die Sprache – sie spricht fließend Deutsch. Und das soll auch so bleiben, erklärt sie: „Ich will in Verbindung bleiben mit der deutschen Sprache.“ Einen Fuß in Deutschland zu haben und einen in Frankreich, „das ist praktisch“, meint sie.

Adem Dogan (21) hat Steve Meckes im Bus 21 kennengelernt und herausgefunden, dass sie die gleichen Interessen haben.zoom

Dass der Bus der CTS-Linie 21 nicht nur ein gutes Mittel ist, um zum Einkaufsbummel zu kommen, sondern auch ein Ort, an dem Freundschaften entstehen können, zeigt das Beispiel von Adem Dogan und Steve Meckes aus Straßburg. Die beiden 21-Jährigen fahren jeden Tag zusammen nach Kehl, weil sie dort gerne ins Wettbüro gehen und Zigaretten kaufen. „Wir nehmen so oft den Bus, dass wir mittlerweile mit den Fahrern befreundet sind“, lacht Adem Dogan. Wenn er mit seinem Kumpel in Kehl ist, bummeln sie auch oft durch die Innenstadt, essen Eis in der Fußgängerzone oder Burger im McDonald‘s, oder sie spazieren am Rhein entlang.
Letzteres ist auch eine geliebte Freizeitbeschäftigung von Dominik Kaltenbrunn. Der 26-jährige Geschichtsstudent fährt regelmäßig mit dem CTS-Bus 21 zur Universität nach Straßburg. Durch die Grenzkontrollen, die seit den Terroranschlägen in Paris im November 2015 an der Europabrücke stattfinden, sei es auf französischer Seite zuletzt häufiger zu Staus gekommen, erzählt er – einmal sei er deshalb sogar zu Fuß von der Straßburger Haltestelle Port du Rhin bis nach Kehl gelaufen: „Dabei habe ich zwei CTS-Busse überholt, die früher abgefahren waren und ebenfalls im Stau standen“, lacht er.

Steve Meckes (21) geht gerne ins Wettbüro oder isst Eis in der Fußgängerzone. Den Bus 21 nutzt er so oft, dass er die Busfahrer schon persönlich kennt.zoom

Weniger gelassen sehen andere Fahrgäste im Bus 21 die Staus, die durch die Grenzkontrollen vor allem auf französischer Seite und vereinzelt durch die Trambaustelle auch auf der deutschen Seite des Rheins entstehen. So zum Beispiel Doris Wagner: Die 51-jährige gebürtige Straßburgerin, die seit 20 Jahren in Kehl lebt, hat noch viele Freunde in ihrer Heimatstadt, die sie regelmäßig besucht. Mindestens einmal pro Woche fährt die Sozialpädagogin, die inzwischen freiberuflich als Künstlerin arbeitet, mit dem Bus nach Straßburg, „in manchen Wochen sogar jeden Tag“, erzählt sie. Wegen der Grenzkontrollen auf der Europabrücke und der Staus, die dadurch entstehen, weicht sie aber inzwischen manchmal auf den Grenzübergang zwischen Rheinau und Gambsheim aus und nimmt ihr Auto, um nach Straßburg zu kommen.                                                                                              
Auch wenn sie mit der Tram vom 29. April an schneller nach Straßburg kommt als bisher mit dem Bus oder dem Auto, sieht Doris Wagner die Streckenverlängerung der Linie D kritisch: Sie findet, dass man zwischen Kehl und Straßburg nach dem Bau der Passerelle nicht noch eine vierte Brücke – also die für die Tram – gebraucht hätte: „Vier Brücken, und das für eine kleine Stadt wie Kehl, das ist zu viel“, sagt sie.

Busfahrer Daniel Buchmann (65) ist seit fünf Jahren auf der Linie 21 im Einsatz. Seine beste Erinnerung: ein spontanes Live-Konzert einer badischen Blaskapelle während der Busfahrt. zoom

Die meisten Fahrgäste im Bus 21 freuen sich jedoch auf die direkte Straßenbahnverbindung, wie auch Busfahrer Daniel Buchmann bestätigt: „Die Leute sind zufrieden, dass die Tram kommt“, sagt Elsässer, der in Illkirch wohnt. Vor allem in den Abendstunden, nach 22 Uhr, sei es derzeit schwierig, von Straßburg aus wieder nach Kehl zu kommen – mit der Straßenbahn werde sich dies ändern: „Ich bin mir sicher, dass viele Menschen die Tram nutzen werden, um beispielsweise die Oper, das Theater oder Konzerte in Straßburg zu besuchen“, meint der 65-Jährige. Für ihn kommt die Einstellung der Buslinie 21 gerade gelegen: Mit der letzten Fahrt geht er in den Ruhestand. Fünf Jahre lang hat er dann den Bus der Linie 21 gesteuert, davor hatte er 30 Jahre lang eine eigene Fahrschule betrieben. „Ich habe die Arbeit im Bus 21 als ruhig empfunden“, sagt er, „die selbstständige Fahrlehrer-Tätigkeit war wesentlich anstrengender“. An einen Tag im Bus 21, an dem es weniger ruhig war, erinnert er sich noch besonders: „Eine badische Musikkapelle stieg mit Instrumenten ein, um nach Straßburg zu fahren, wo sie auf einem Konzert spielen sollten“, erzählt er, „und ich fragte sie, ob sie den restlichen Fahrgästen nicht etwas vorspielen wollten. Das taten sie – und der ganze Bus sang und klatschte mit“.

21.04.2017

 

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