Jubiläumsfeier

Sprachvermittler feiern zusammen im Anker 36

Bei einer Feierstunde im Stadtteilbüro Anker 36 haben Ehrenamtlichen des Kehler Pools für ehrenamtliche Sprachvermittlung (ehemals Dolmetscher-Pool) die vergangenen Jahre gemeinsam Revue passieren lassen. Mit dabei sind die städtischen Integrationsbeauftragten Robyn Tropf und Raya Gustafson, Edgar Berg vom Diakonischen Werk sowie Claudia Mündel, die den Kehler Pool für ehrenamtliche Sprachvermittlung 2012 mitgegründet und viele Jahre organisiert hat.

Zwei Frauen blicken auf eine Magnetwand voller Fotos
Seit mehr als zwölf Jahren in Kehl aktiv: In einer Feierstunde im Anker 36 ließen Mitbegründer und Wegbegleiter die vergangenen Jahre des Dolmetscher-Pools Revue passieren.

Von Beginn an mit dabei ist Nevim Kilinc. An der ehrenamtlichen Tätigkeit als Sprachvermittlerin schätzt sie, dass sie dabei mit ganz unterschiedlichen Menschen in Kontakt kommt. Neben der Gelegenheit, dadurch neue Sitten und Bräuche zu entdecken, lerne sie gerne mehr über deren Lebensgeschichte. Ihre Motivation reicht zurück in ihre Kindheit und Jugend, als sie für ihre Eltern im Alltag übersetzte. Auch während ihrer späteren beruflichen Tätigkeit als Justizfachangestellte fungierte sie in unterschiedlichen Situationen immer wieder als Übersetzerin. Mit 42 Jahren absolvierte sie schließlich noch das türkische Abitur, um sich anschließend als Verhandlungsdolmetscherin beim Landgericht Offenburg vereidigen lassen zu können. Aktuell übersetzt sie häufig für Menschen, die in der Folge des Erdbebens in der Türkei im Februar 2023 ihre Heimat verlassen mussten. „Diese tragischen Schicksale berühren mich sehr“, sagt Nevim Kilinc. Noch nicht so lange dabei ist Julia Berezoswka. Sie schloss sich Anfang 2022 an, nach dem Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine. Für sie, die selbst aus der Ukraine stammt, und ihren polnischen Ehemann war sofort klar, dass sie sich für Kriegsgeflüchtete einsetzen wollen. An der Tätigkeit als Sprachvermittlerin schätzt sie besonders, dass sie ihre Erfahrungen weitergeben kann, die sie selbst bei ihrer Ankunft in Deutschland gesammelt hat. Die Neuankömmlinge fühlten sich oft unsicher und fremd und seien in der Regel sehr dankbar für ihre Unterstützung, berichtet sie. „Die Erfahrungen, die ich hier gesammelt habe, sind unbezahlbar“, resümiert sie.

Hintergrund

Gruppenfoto mit Ehrenamtlichen und Integrationsmanager und -beauftragten.
Gelegenheit zum gemeinsamen Rückblick für Ehrenamtliche und städtische Mitarbeitende.

Die Feierstunde im Anker 36 bietet den Ehrenamtlichen auch die Gelegenheit, gemeinsam auf die vergangenen zwölf Jahre zurückzublicken. Aus diesem Grund hat Claudia Mündel auf einem Whiteboard rund ein Dutzend Fotos, Presseberichte, Dokumente und Statistiken aus der inzwischen zwölf Jahre währenden Geschichte des Dolmetscherpools aufgehängt. Die Geschichte der Einrichtung begann bereits einige Monate vor der offiziellen Gründung. Das Netzwerk Integration (heutiger Name: Netzwerk für Migration und Miteinander) stellte 2012 bei einer Umfrage fest, dass in Kehl pro Jahr rund 450 Gespräche geführt werden, bei denen die Hilfe einer Sprachvermittlerin oder eines Sprachvermittler nötig wäre. „Der Bedarf war damals schon groß“, berichtet Claudia Mündel. Daraufhin erarbeitete das Netzwerk ein Konzept für einen Dolmetscherpool, dessen Mitglieder bei Bedarf von einer Einrichtung für ein Gespräch angefragt werden können. Noch im selben Jahr hob Claudia Mündel, gemeinsam mit dem Diakonischen Werk und der Präventionsstelle des DRK den Kehler Dolmetscherpool sprichwörtlich aus der Taufe. Die erste Generation der damals noch Dolmetscher genannten Sprachvermittlerinnen und Sprachvermittler bestand fast ausschließlich aus Migranten, die neben ihrer Muttersprache fast immer perfektes Deutsch sprachen. „Die Resonanz war viel größer, als wir gedacht hätten“, erinnert sich Claudia Mündel. Noch bevor eine Sprachvermittlerin oder ein Sprachvermittler jemals einen Einsatz hatte, meldeten sich bereits 48 Menschen für das Ehrenamt an. Eine erste Schulung für Ehrenamtliche fand am 22. Oktober 2012 mit 24 Teilnehmerinnen und Teilnehmern statt. Das Sprachrepertoire war schon zu Beginn sehr groß und umfasste neben Englisch auch Französisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Polnisch, Ungarisch, Russisch, Serbo-Kroatisch, Tschechisch, Rumänisch, Ukrainisch, Türkisch, Arabisch und Persisch. Wie groß der Bedarf ist, zeigen die Zahlen der ersten Jahre: Nachdem die Ehrenamtlichen 2013 150 Einsätze absolvierten, stieg die Zahl schon 2014 sprunghaft auf 424 an; im Zuge der Flüchtlingskrise 2015 verdoppelte sich das noch einmal auf 864. Zu dieser Zeit engagierten sich bereits 60 ehrenamtliche Sprachvermittlerinnen und Sprachvermittler, die zusammen 35 verschiedene Sprachen sprechen. Seit dem 1. November 2019 koordinieren Raya Gustafson und Robyn Tropf den Pool. Kurz darauf veränderte die Corona-Pandemie die Arbeit der Ehrenamtlichen. Einsätze erfolgten vermehrt über das Telefon oder über Videoanrufe. Nach der russischen Invasion in der Ukraine im Februar 2022 stieg die Nachfrage nach Sprachmittlerinnen und Sprachmittlern, die Ukrainisch oder Russisch sprechen, deutlich an.

Sprachvermittlerinnen und Sprachvermittler gesucht

Wer sich im Kehler Pool für ehrenamtliche Sprachvermittlung engagieren will, muss seine Deutschkenntnisse (mindestens auf B2-Niveau) nachweisen oder alternativ über einen Hauptschulabschluss oder eine gleichwertige Qualifikation in Deutschland verfügen. Aktuell besteht besonders großer Bedarf nach Personen, die Arabisch, Kurdisch, Ukrainisch, Türkisch, Bulgarisch oder Persisch sprechen. Für weitere Informationen melden sich Interessierte per E-Mail an die Integrationsbeauftragten der Stadt.